Geschichten von unterwegs

Reisebericht: „Unhit“ – ein Reisebericht aus Äthiopien

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Als ich mich im Frühjahr 2017 entschieden habe, die Reise „Vom Abessininschen Hochland in die Wüste Danakil“ (EATSEM) bei Diamir zu buchen, war der Erta Ale der große Traum und vielleicht der Hauptgrund für meine Buchung. Im Nachhinein muss ich Abbitte leisten und bekennen, dass ich nicht ansatzweise wusste, was für ein faszinierendes und unglaublich vielfältiges Land Äthiopien ist. Der Besuch am Erta Ale war schlussendlich faszinierend und ein Highlight. Aber eben auch nur EIN Highlight und nicht der alles überstrahlende Höhepunkt der Reise.

Meine Reise beginnt 2 Tage früher als die der Gruppe, ich möchte Zeit haben anzukommen, vor der obligatorischen Stadtrundfahrt mit der Gruppe meine ersten eigenen Eindrücke von Land und Leuten sammeln. Das funktioniert für mich sehr gut, da ich am ersten Tag bei dem Besuch des Red Terror Marty Museum schon einen tiefen Einblick in die Geschichte dieses auch immer wieder zerrissenen Landes gewinne.

Am 2. Tag ahne ich bei einem Ausflug zum Debre Libanos Monastery schon die Weite des Landes. Außerdem sind dort die Portuguese Bridge und das Rift Valley die ersten Anlässe, die Kamera zu zücken. Bei diesem Ausflug lerne ich auch zum ersten Mal die hohe Qualität des lokalen Partners von Diamir kennen: Green Land, der größte äthiopische Tour Operator hat diesen Individualausflug erst am Vortag innerhalb weniger Stunden mit einem hervorragenden Driver-Guide für mich organisiert. Der erste exzellente Eindruck wird sich in den kommenden drei Wochen täglich bestätigen und in einem erheblichen Maße zu dem fantastischen Reiseerlebnis beigetragen.

Der andere wesentliche „Erfolgsfaktor“ für eine der schönsten und eindrucksvollsten Reisen meines Lebens: Unsere Reisebegleitung Gertrud „Gerti“ Kiermeier. Gerti hat uns mit solcher Gelassenheit, Umsicht und voller Leidenschaft für Äthiopien begleitet, mit ihren Erzählungen und vor allem ihrer Persönlichkeit beeindruckt. Die Reise- und Bergerfahrung von ihr sind faszinierend und ihre menschliche Integrität und Empathie haben sie für mich zu einer wertvollen Bekanntschaft werden lassen. Sie ist mehr als eine Reisleitung, sie war der moderierende, immer freundliche und die Übersicht behaltende „gute Geist“ unserer Reisegruppe.

Aber nun wieder der Reihe nach. Doch obwohl es nur einige persönliche Schlaglichter werden sollen, wird es trotzdem unmöglich sein, mich auf die von Diamir für Reiseberichte empfohlenen 2 Seiten zu beschränken.

Heiligabend, 24.12.2017 – die Gruppe kommt an, ein erstes Briefing. Auch das Thema der Sicherheitslage wird ehrlich und offen angesprochen, und den Mitreisenden wird der Raum gegeben, mögliche Sorgen und Fragen zu thematisieren. Nicht alle wissen, dass wenige Wochen zuvor ein deutscher Tourist unter ungeklärten Umständen am Erta Ale erschossen wurde. Danach erkunden wir die Stadt, hören die Geschichte der „neuen Blume“, wie Addis Abeba übersetzt heißt und besuchen das Nationalmuseum.

Am 25.12.2017 fliegen wir nach Lalibela, und schon der kurze Flug ist durch die atemberaubende Landschaft ein beeindruckendes Erlebnis. Es ist die passende Einstimmung für die Besichtigung der Felsenkirchen.

In der Gruppe wird nach den zwei Tagen diskutiert, ob zu viele Kirchen besichtigt worden seien. Meine klare Antwort: Nein! Denn schon nach der ersten Kirche ist der Gedanke nah: „Unglaublich“, doch nach der elften ist das Ausmaß der gigantischen Leistung erst wirklich zu verstehen.

Ein Lob für die Programmgestaltung gebührt hier auch der eingeplanten ersten längeren Wanderetappe. Eine gute Gelegenheit, sich mit den Bedingungen in der Höhe vertraut zu machen, gerade für Menschen mit weniger Wander- und Höhnerfahrung.

Am 27.12.2017 geht es weiter nach Gondar. Die Geschichte und historischen Stätten sind beeindruckend, man spürt den Atem der alten Kaiserstadt. Mein Highlight ist das „Bad des Fasilidas“, ein 70×40 Meter großes Bassin, in dessen Inneren sich ein kleines Schloss auf Säulen erhebt. Alljährlich findet hier das Timkatfest statt, zur Erinnerung an die Taufe Jesu Christi im Jordan. Dann wird das gesamte Becken mit Wasser aus dem nahegelegenen Fluss gefüllt.

Die zweie große Etappe der Reise beginnt am 28.12.2017, das Trekking im Simien Mountains Nationalpark. Hier finde ich keine angemessenen Worte, daher nur ein paar Fakten und Zahlen:

28.12.2017: Wanderung zum Sankaber Camp (3.250m)

29.12.2017: Wanderung zum Gich Camp (3.600m)

30.12.2017: Wanderung über den Imet Gogo (3.926m), den (3.785m) und den Kedadit (3.760m)

zurück zum Gich Camp (3.600m)

31.12.2016: Wanderung über den Inatye (4.70m) zum Chennek Camp (3.600m)

01.1.2018: Wanderung über den Bwahit (4.30m) zurück zum Chennek Camp (3.600m)

Was für ein Start in das Jahr 2018!!!

Unsere Fotos vermögen die Weite und Schönheit der Landschaft kaum adäquat abbilden, aber uns eint alle nicht aufzugeben, es trotzdem zu versuchen…

Nach den Simien Mountains geht es nach Axum, was ein weiterer kultureller Höhepunkt der Reise werden soll. Die Stelen sind natürlich nicht zu vergleichen mit den Pyramiden, und trotzdem kommt mir die dieselbe Frage wie in Gizeh in den Sinn: Wie haben sie das nur geschafft… Im Gegensatz zu den Felsenkirchen, wo zwar die Größe der Aufgabe sprachlos macht, ist es hier für mich auch die Frage der Technik, die mich kopfschüttelnd und staunend diese Giganten einer längst vergangenen Blütezeit bestaunen lässt.

Auf der Fahrt nach Wukro, über das sich nicht viel berichten lässt, besuchen wir die Felsenkirche Abuna Abraham. Die Wanderung bergauf fällt nach den Tagen in den Bergen leichter und oben angekommen, belohnt, neben der Kirche selbst, erneut ein wunderschöner Blick auf die Landschaft Äthiopiens die Anstrengungen. Unsere Wege trennen sich am nächsten Morgen. In Wukro verlassen uns die Teilnehmer der 15 tägigen Reise, die heute nach Addis Abeba zurückfliegen, während wir in die Jeeps umsteigen, und für uns der Expeditionsteil der Reise beginnt. In drei Jeeps mit unseren fantastischen Fahrern Joel, Mohamed und Alex brechen wir auf. Und hier beginnt nun auch die Tour der Wetterphänomene – Nebel und Regen werden wir erleben, den Dallol und den Erta Ale mit grauen Wolken und ohne Sonne – ohne jetzt urteilen zu wollen, ob dafür eine globale Klimaveränderung verantwortlich ist oder wir schlicht einer einmaliger Ballung von Wetterphänomen beiwohnen durften: es sind so zumindest seltene Bilder entstanden.

Die Danakil, die Salzwüste, der Dallol, der Erta Ale – es gibt so viele Bilder zu sehen im Netz und auch so viel darüber zu lesen. Ich glaube, ich kann dort nichts Wertvolles ergänzen. Ich kann meine Eindrücke, die Erlebnisse und Eindrücke wohl nicht so beschreiben, dass jemand die Schönheit und Erhabenheit nachvollziehen könnte, der nicht dort war. Das tiefe Grollen des Vulkans, das Knirschen des jungen Lavagesteins unter den Schuhen, der Geruch des Schwefels – Erinnerungen die ich mitnehme, immer wieder höre, wenn ich die Augen zumache und mich daran zurück erinnere.

Das möchte ich aber doch noch sagen: Mach es! Fahre hin, wenn Du darüber nachdenkst und es kannst. Es ist eine unglaubliche Reise, es sind einmalige Eindrücke und Du wirst es nicht bereuen. Das, fast möchte ich es versprechen, ist sicher. Und mein einziger Rat: Vergiss am Erta Ale Deine Kamera und genieß den Moment. Die eine Sekunde, wo ich die „Suppe blubbern“ sehe, das ist das Bild, das mir bleibt. Ein Bild, das ich ohne Linse und Objektiv mit bloßem Auge gesehen habe – und in diesem einen kurzen Moment keine Kamera dieser Welt hätte einfangen können.

Auf der Fahrt Richtung dem Awash Nationalpark ein Zwischenstopp am Afera See, ein Salzsee umgeben von heißen Quellen, die ihn speisen. Ein kleines Paradies, wenngleich auch hier, wie an viel zu vielen Stellen, der Plastikmüll überhandnimmt. Aber das vergesse ich, während ich mir den Schwefelgeruch der vergangenen Tage und das Salz des Sees im warmen Wasser der heißen Quelle abwasche.

Der Awash Nationalpark als Ausklang ist dann noch eine relative Enttäuschung, auch wenn die Lodge, bei der wir zelten, sehr schön ist, ein guter Ort für den letzten gemeinsamen Abend. Doch im Park selbst wird am nächsten Morgen leider überdeutlich, dass der Wildtierbestand sich erst sehr langsam wieder entwickelt, und die vielen Nutztiere im Nationalpark diese Entwicklung eher behindern als befördern.

Für mich folgt heute, am 10. Januar 2018 ein weiterer Abschied: Die Gruppe fährt zurück nach Addis Ababa, von wo sie am Abend zurückfliegen werden. Für mich geht es mit Joel, einem der Fahrer, noch weiter nach Harar, eine Reiseverlängerung, die ich leider als einziger aus der Gruppe gebucht habe. Für mich wird das der perfekte Abschluss der Reise. Die Altstadt von Harar, eindeutig muslimisch und gleichzeitig doch von einem friedlichen überkonfessionellen Miteinander geprägt, ist mit vollem Recht eine Welterbestätte der UNESCO. Die „weiße Stadt“, die gleichzeitig so farbenfroh und lebendig ist.

Als Fazit bleibt für mich festzuhalten, dass diese Reise eigentlich aus mehreren Reisen bestand, so unterschiedlich waren die verschiedenen Etappen: Addis, der historische Norden, das Trekking im Simien Mountains National Park, gefolgt von der Danakil, der Landschaft voller Salz, dem Dallol und der Lavalandschaft des Eta Ale – all das war schon so vielfältig und reich, dass es eigentlich nicht in eine Reise passt – und dann noch mit Harar als Schlusspunkt noch ein weiterer komplett neuer Eindruck zum Ende.

Andreas Kornacki, Februar 2018

P.S.: Und warum heißt der Reisebericht „Unhit“? Ganz einfach: Das ist Gertis „Schlachtruf“ als Signal zum Sammeln und Weiterfahren, wenn alle wieder „an Bord“ sind. So wurde „Unhit“ ein ganz wesentlicher Teil des Soundtracks der Reise für mich.

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