Geschichten von unterwegs

Reisebericht: Äthiopien – Land des Lächelns zwischen Himmel und Hölle

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Dieses Land ist einfach unglaublich! … unglaublich vielfältig in Geschichte, Natur und Gesellschaft! Vier Wochen tauchen wir ein in die frühe Geschichte des Christentums, erwandern die Höhen der Simien Mountains, chillen mit den Gelada-Affen Angesicht zu Angesicht, klettern auf einen 4400 m hohen Gipfel und schwitzen in der Danakil Senke bei 42° Celsius auf 90 m unterm Meeresspiegel … und, und, und … feiern Chris Geburtstag auf einem rauchenden Vulkan.

Nun aber von vorne:

Als „Quereinsteiger“ in unsere Diamir Äthiopienreise sind wir von Salalah im Oman über Addis Ababa nach Lalibela geflogen. In Addis am Flughafen haben wir uns hartnäckig einen Stempel am Immigrationsschalter erkämpft … dabei waren sie doch grad am Fensterputzen an den netten kleinen Immigrationshäuschen! Man will uns allen Ernstes einreden, Immigration sei auch in Lalibela möglich – klar doch: Ein kleiner Provinzflughafen bei dem uns später schon das „Gepäckfließband“ in Form einer Reihe von Gepäcktrolleys vorm Gepäckanhänger auf dem Rollfeld ein amüsiertes Schmunzeln ins Gesicht treibt. Na ja, wir haben ja den Stempel zu dem Zeitpunkt zum Glück schon im Pass. Willkommen in Äthiopien!

Hier sind die TukTuks weißblau und zu Essen gibt’s Injera ( … ein riesiger, tellerersetzender Sauerteigfladen im Idealfall aus dem einheimischem Teff – Getreide) mit diversen Gemüsen, Salaten, Soßen. Und ein Bier! St.Georg, der Drachentöter – gleich der erste christliche Schutzheilige, der uns hier begegnet…

Am nächsten Morgen trifft auch unsere Reisegruppe ein. In diesem Land macht es bei der „Erstbegegnung“ durchaus Sinn organisiert unterwegs zu sein. Allein die Transportfrage und das Trekking wären auf eigene Faust eine absolute Herausforderung bis Unmöglichkeit gewesen, dürfen wir unterwegs dann feststellen. … dazu die vielen Infos über Land, Leute, Natur & Kultur!

So geht es dann in Lalibela auch gleich am ersten Tag in die Vollen – wir schauen uns die erste Charge der berühmten Felsenkirchen an. Die Felsenkirchen von Lalibela sind elf Kirchen, die um das Jahr 1250 jeweils als Monolithen aus der umgebenden Felsformation herausgearbeitet wurden. Mit ihren bis zu zehn Metern Höhe gehören diese Gebäude zu den größten von Menschen aus Stein gehauenen Strukturen der Welt.

Wir bestaunen diese Bauwerke und frischen unsere Kenntnisse der Geschichten des Alten Testaments auf. Wie war das noch mit Abraham??? Es gibt noch diverse gut erhaltene Decken- und Wandgemälde – biblische Bildergeschichten und auch Ornamente, die uns weiterhelfen. Nett auch die Mischung aus alten Gemälden, neueren Bildern in Rahmen an die Wände gelehnt und auch die eine oder andere Wanduhr ( … von Ikea?) Und natürlich der unvermeidliche Vorhang, hinter dem ein Heiligtum versteckt ist … bis hin zur Bundeslade? Manchmal blinzelt auch Jesus hinterm Vorhang vor … Die orthodoxen Christen haben eindeutig einen Hang zur Geheimniskrämerei! So klettern wir einen Nachmittag durch die Kirchenlandschaft, ziehen Schuhe an und aus … die Teppiche in den Kirchen sind uns etwas suspekt, geht doch das Gerücht vom Flohzirkus um. ( … also entweder SprühSprüh und Füße waschen oder auf Überzieher vertrauen – was die Äthiopier darüber denken, sei mal der Fantasie überlassen…)

Am Abend noch ein kleiner Bummel durch „downtown“ Lalibela – leider machen die ganzen kleinen Buden gerade dicht – es finden sich aber schnell ein paar Kids, die ihre Englischkenntnisse an uns ausprobieren. Nach „Give me pen!“ und „Give me money!“ führen wir tatsächlich ein paar nette Dialoge zu Berufs- und Studienwünschen und den Familienmitgliedern. Das Englisch ist im Gegensatz zum Oman erfreulich gut – offensichtlich genug Touristen hier zum Üben ; )

Am nächsten Morgen ist die erste Wanderung zur Akklimatisierung angesagt, wir sind immerhin schon auf 2500 Metern. Unser Ziel – guess what? – eine Kirche! „Asheten Maryam“ liegt oben auf dem Berg auf 2990 m. Beeindruckende Ausblicke in die Landschaft der vielen Tafelberge und Canyons machen Lust auf mehr. Auch das Landleben wird ein bißchen konkreter … die Erntezeit ist hier oben schon fast vorbei, die Getreidefelder abgeerntet – es dominiert die Farbe braun. In der Kirche ein fleißiger Priester. Bereitwillig präsentiert er uns verschiedenste Outfits und lässt sich gerne fotografieren. Auch in die alten Bücher dürfen wir einen Blick werfen und verschiedene Ikonen werden uns gezeigt.

Beim Abstieg dann unsere erste Kaffeezeremonie: frische Kaffeebohnen werden geröstet bis es qualmt. An dem qualmenden Pfännchen darf (muss) die ganze Kaffeerunde einmal schnuppern. Im Mörser werden die Bohnen zermahlen. Das Kaffeepulver in die dickbauchige Kaffeekanne gefüllt und mit Wasser aufgegossen. Aufkochen und dann ist ein Kaffee fertig, der sich vor keinem Espresso verstecken muss! Herzklopfen gratis … und der Zuckerkonsum steigt auch immens …

Am Nachmittag arbeiten wir die zweite Hälfte der Kirchen ab … unglaublich was die Menschen dort gemeißelt haben. Für etwas Unmut sorgt eine Maßnahme der UNESCO, die mit Hilfe eines italienischen Architekten das Weltkulturerbe überdacht haben … wenig formschön und nach 5 Jahren schon mit lockeren Schrauben. Jetzt macht man sich Sorgen, dass die Überdachung auf die Kirchen kracht – das Abbauen wird finanziell den Äthiopiern überlassen, die nun zu Recht schimpfen. Da hatten die Kirchen doch Jahrhunderte dem Wetter getrotzt und nun so was!

Am nächsten Tag fahren wir durchs äthiopische Hochland Kurve um Kurve bis nach Gondar. Die Fahrt ist landschaftlich das ganz große Kino und jeder Stopp wird zum Erlebnis. Ihr glaubt nicht, aus welchen Ecken alles Kinder hervorgekrabbelt kommen, obwohl es grad noch nach einem einsamen Pipi-Stopp aussah! Mit einem Grüppchen habe ich einen Riesenspaß, weil wir den Spieß mal umdrehen und die Kids sowohl deutsche Touristen als auch sich gegenseitig fotografieren!!! Laute Juchzer und das große Staunen über die Fotos =)

In Gondar schauen wir uns die Bauten von Kaiser Fasilidas aus dem 17. Jahrhundert an – Erinnerungen an unsere dunklen Ritterburgen drängen sich auf. Betreten können wir das Gelände erst, nachdem der morgendliche Gottesdienst direkt vorm Eingangstor beendet ist. Seit 4 Uhr lauschen die Menschen in weiße Tücher gehüllt ihrem Priester und den Gesängen … stundenlange orthodoxe Gottesdienste sind hier die Regel!

Weiter geht’s am Folgetag über Dörfer und immer tiefer in die Berglandschaft hinein. In manchen Dörfern ist Markttag, kunterbunt und quirlig und auch unterwegs am Straßenrand werden uns immer wieder Souvenirs angeboten. Am Abend erreichen wir unser erstes Camp auf 3250 m und die Temperaturen sind merklich gesunken. Die abendliche Runde löst sich schnell auf und alle kuscheln sich in ihre mehr oder minder warmen Schlafsäcke.

Drei obligatorische Scouts begleiten uns ab nun durch die Berge – der Anblick der umgehängten Kalaschnikows beeindruckt uns doch etwas … aber es sind sehr freundliche Gesellen, die eine Freude daran haben uns erste amharische Wörter beizubringen … „Amazegnalo“ (= Danke!) wird vom Zungenbrecher nach und nach zum meistgenutzten Wort =)

Bis auf 3600 m schrauben wir uns heute zum Gich-Camp hoch. Entlang von senkrechten Felsabbrüchen, durch kleine Wälder mit flechtenbewachsenen Bäumen wandern wir schließlich auf einer Grasebene bis zu unserem Camp, das auf einem Hochplateau mit einem gigantischen Ausblick liegt. Hier wachsen außer den großen Grasbüscheln noch Lobelien, die dekorativ in der Landschaft stehen. Lämmergeier und Adler kreisen über dem Camp und wissen schon, dass sie hier den einen oder anderen Imbiss erwarten dürfen.

Das absolute Highlight ist aber die große Gruppe Gelada – Affen, die grasend über die Hochebene zieht. Wir sitzen schließlich im Abendlicht zwischen den Tieren und können sie ausgiebig beim Abendfressen beobachten. Geladas sind Vegetarier und ernähren sich vom Gras der Hochebenen. Bezeichnend ist das rote „Herz“ auf ihrer Brust, mit dem sich insbesondere die Männchen im Kampf und bei der Paarung „brüsten“. In der Nacht schlafen die Geladas in den senkrechten Felswänden hängend, um vor Feinden geschützt zu sein. Auch an diesem Abend zieht der äthiopische Wolf seine Runden um die grasende Herde und sorgt hier und dort für beträchtliche Unruhe.

Nach einer weiteren spektakulären Akklimatisationswanderung zum Imet Gogo (3926m) genießen wir das Campleben und es bleibt noch Zeit für eine kleine Musiksession in der Küchenbude. Gruppenübergreifend wird gesungen und getrommelt – ich habe mal wieder Spaß mit meiner Ukulele … und ab nun machen wir fast jeden Abend a bissle Musik … im Küchenzelt oder davor – auch zur Begeisterung unserer Scouts, die mit ihren umgehängten Waffen zumindest bei „Let it be“ schmunzelnd mitsingen – na also, Beatles gehen immer!!!

Wir schrauben uns die kommenden Tage immer höher – über den Inatye (4070m) zum Chennek Camp und schließlich auf den Bwahit (4430m). Einer der höchsten Berge Äthiopiens beschert uns bei strahlendem Sonnenschein im Anstieg Steinböcke und oben einen 360° Grad Blick in die beeindruckende Berglandschaft! Soooooo schön! Bei der Rückkehr im Camp ist das Essenzelt mit (Klopapier-) Girlanden und Blümchen geschmückt und zur Belohnung gibt’s zum Essen äthiopischen Rotwein … ein Hoch auf unsere Küchencrew!!!

Und nun geht’s runter in die Wärme! In Aksum schauen wir uns die berühmten Stelenfelder an und das Grab der Königin von Saba – von Aksum aus begann vor 3000 Jahren die Besiedelung Äthiopiens. Ob damals die Mücken auch schon so nervig waren – Chris & mich haben sie jedenfalls in der Nacht überfallen und so zerstochen, dass wir noch etliche Tage was davon hatten! Tja, Wärme hat ihren Preis … und es soll noch wärmer werden:

Zunächst einmal wechselt die Landschaft – Sandstein statt Tafelberge. Durch die Gheralta-Region fahren wir nach Wukro. Unterwegs klettern wir auf einen weiteren Berg und schauen uns die Kirche Abuna Abraham an. Auch diese Kirche wurde halb in den Fels gemeißelt – aber eben hoch oben auf dem Berg. Hier oben werden die Kinder getauft und die Toten begraben. Der Ausblick ist jedenfalls toll!

Nun geht es endgültig in die Wärme – die Danakil Senke wurde uns mit bis zu 50° Celsius angekündigt. Wir sind deshalb ganz happy, als das Thermometer auf dem Weg nach Hamed Ela „nur“ 36° Celsius anzeigt! Geschlafen wird … auf Afarbetten direkt neben der Straße, auf der die Salzlaster hin und wieder vorbeidonnern. Idyllisch! Aber nachts sind alle Katzen schwarz und der Himmel voller Sterne!

Dafür fahren wir zum Sonnenuntergang raus in die Salzwüste … welch eine Landschaft!!! Und tatsächlich kommt uns völlig malerisch eine Salzkarawane entgegen und die Kamele ziehen mit ihren Salzlasten an uns vorbei … einfach nur WHOW!!!! Die Arbeit der Salzbrecher, die auch heute noch in dieser Hitze mit langen Stangen das Salz in Blöcke brechen und auf die Kamele laden ist unvorstellbar kräftezehrend … salzen wir unsere Speisen also mit Bedacht. (… das Salz von hier wird allerdings hauptsächlich zur Tierfütterung verwendet.)

Wir stehen jedenfalls völlig beeindruckt in dieser weiten Landschaft – spickeln in wassergeflutete Löcher, schauen Salzkristalle und Salzblöcke an … dort wo die Salzebene endgültig mit Wasser bedeckt ist, scheinen die Menschen auf dem Wasser zu gehen …Salzkarawane

Am nächsten Morgen fahren wir weiter zu den Schwefelterrassen von Dallol – da lassen wir einfach mal die Fotos sprechen – die bunten Farbspiele der Natur sind zu eindrücklich für Worte … stellt euch dazu einfach ein bisschen Blubbern und die Stinkbomben der längst vergangenen Schulstreiche vor, dann stimmt das Szenario =)

Wir umfahren einen Teil der Danakil Senke – die Wege sind zur Zeit zu feucht zum Befahren … und machen uns auf den Weg zum Erta Ale. Der Erta Ale ist einer der sechs Vulkane weltweit, in dessen Caldera sich ein Lavasee befindet. Bis vor zwei Jahren war dieser See auch direkt vom Kraterrand unproblematisch zu bestaunen. Aber jedes Fass ist einmal voll und nachdem der See übergeschwappt ist, liegt er deutlich tiefer und der überstehende Kraterrand – fraglich stabil – verwehrt meistens den vorher so beeindruckenden Anblick. Im Moment macht der Erta Ale seinem Namen alle Ehre – übersetzt aus dem Afar heißt Erta Ale „Berg, der raucht“. Joooo, und das hat er auch in dieser Nacht getan. Obwohl wir uns schwitzend durch den Abend den 613m hohen Vulkan hochgearbeitet haben! Am Kraterrand befindet sich ein skurriles Camp für Touristen in dem wir gegen 21 Uhr ankommen. Von da steigen wir in die Caldera ab und stapfen, durch unsere Baumarkt-Atemmasken schnaufend, durch teils dichten und recht ungesund riechenden, ätzenden Qualm einmal vor bis zum Abbruch Richtung Lavasee – hin und wieder ein rotes Glühen im Blickfeld. („Was mach ich hier eigentlich ????“) EIN Foto hinunter in den roten See gibt es Dank eines wagemutigen Teilnehmers … Da ist es – das unheimliche, aber faszinierende rote Glühen aus dem Erdinneren: Hat hier die Idee vom Fegefeuer und dem Höllenschlund seinen Ursprung ??? Wir sind jedenfalls einfach nur froh nach einer gefühlten Ewigkeit wieder im Zeitweise ziemlich verqualmten Camp direkt am Kraterrand zu sitzen. Eigentlich wollen wir hier oben in Chris‘ Geburtstag reinfeiern – statt beim „Tanz auf dem Vulkan“ fällt der Ouzo unseren geräucherten Kehlen noch vor Mitternacht zum Opfer. Und so schlafen wir mit Atemmasken in Steinkreis“zimmerchen“ in den neuen Tag hinein. Um 4 Uhr ist die Nacht zu Ende – die Gruppe entscheidet sich für den geordneten Rückzug und wieder um eine Erfahrung reicher zockeln wir in der Dunkelheit talwärts. Den rauchenden Berg in unserem Rücken sind wir froh bei angenehmen Temperaturen kurz nach Sonnenaufgang im Camp anzukommen.

Weiter geht’s durch die Danakil – Wüstenlandschaft Richtung Afrera-See. Ein Bad in Aussicht … was gibt es Schöneres nach dieser rauchigen, staubigen Nacht??? Aber auch dieses Bad will verdient sein – unser Headdriver versenkt mal schnell noch den Jeep im Sand … und wir sind nach unseren Oman Erfahrungen beruhigt, dass das auch Profis noch passiert

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